In den letzten Wochen führte ich beinahe täglich Gespräche mit Menschen, die einen Coworking Space eröffnen möchten. Dieses Interesse und Engagement freuen mich sehr. Denn es zeigt, dass Coworking inzwischen für Menschen immer interessanter wird bzw. eine Alternative zum Büro oder Homeoffice darstellt.

Es kommen Leute mit völlig unterschiedlichen Hintergründen auf mich zu. Die einen sind vom Thema Coworking fasziniert, erkennen die Vorteile und wollen am liebsten sofort loslegen. Dann melden sich immer wieder Politiker, die den Leerstand in der Innenstadt bekämpfen wollen und im Coworking eine Möglichkeit sehen. Aber auch Unternehmer, die durch das Homeoffice auf einmal Flächen frei haben und diese jetzt entweder abstoßen wollen/müssen oder daraus einen modernen Arbeitsbereich schaffen wollen.

Was alle gemeinsam haben, sind die Fragen, die gestellt werden. Darum möchte ich ein paar wichtige Fakten aufgreifen und Leseempfehlungen geben, wo du wirklich relevante Informationen finden kannst.

  1. Rechnet sich ein Coworking Space? Kann ich davon leben, belebt er wirklich die Innenstadt oder kommen meine Mitarbeiter dann wieder gern ins Büro?

Tja, das kommt darauf an. Grundsätzlich sollte man vorher immer schauen, ob es einen Bedarf gibt und wie groß dieser tatsächlich ist? Kennen die Menschen in meiner Region schon die Vorteile, sind sie bereit dafür Geld zu zahlen, gibt es sogar schon eine Community, die sich schon heute privat oder in einem Café trifft? Wenn ich diese Fragen beantworten kann, sollte ich eine Standortanalyse durchführen. Ist der Space gut zu erreichen? Liegt er zentral und ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar? Gibt es genügend Parkflächen für Autos und Fahrräder? Gibt es im Umkreis eine Nahversorgung für die Mittagspause? Sind in der Nähe Kindergärten und Schulen, damit Eltern die Betreuungszeit effektiv für ihre Arbeitszeit nutzen können? Wenn ich all dies gut beantworten kann, kann ich über einen Businessplan schauen, ob ich davon leben kann. Ich persönlich denke jedoch, dass es aktuell gerade im ländlichen Raum schwer ist, mit einem reinen Coworking Space rentabel zu sein. Hier sollten weitere Einnahmequellen geschaffen werden.

Ob ein Coworking Space die Innenstadt beleben kann, weiß ich nicht. Klar, wenn ich 20 Plätze geschaffen habe, werden vielleicht täglich ein paar Leute mehr durch die Stadt laufen. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden kleinere Besorgungen direkt im Lauf erledigt. Ob dies jedoch die Innenstadt rettet, wage ich zu bezweifeln. Hier gehört sicher mehr dazu. Popup-Stores könnten eine weitere Ergänzung sein.

Ob Mitarbeiter in Zukunft wieder 5 Tage pro Woche im Büro sitzen werden, glaube ich persönlich nicht. Ich denke, dass sich hier ein Mix aus Homeoffice, Coworking Space und Büro ergeben könnte. So habe ich die Ruhe, um konzentriert arbeiten zu können, den Blick von außen, wenn ich mich im Coworking Space austauschen kann und den Kontakt zu meinen Kollegen, wenn ich im Büro bin. Für mich persönlich wäre dies eine ideale Arbeitsform. Jedoch ist jeder Mensch anders und das macht unser Leben ja so interessant.

 

2. Möchtest du tatsächlich einen Coworking Space gründen oder eher eine Bürogemeinschaft?

Das ist in der Tat ein feiner, jedoch wichtiger Unterschied. Bei beiden vermietest du einen Tisch, Stuhl und eine stabile Internetverbindung. Jedoch könnte es Unterschiede in der Flexibilität der Mietzeiten geben. Im Coworking Space kannst du dich stunden- oder tageweise einmieten – ohne Vertragsbindung. In einer Bürogemeinschaft gibt es meist eine Mindestmietzeit von 3 Monaten.

Der für mich wichtigste Punkt ist jedoch die Community. In der Bürogemeinschaft hast du sicher auch die Möglichkeit, dich mit anderen Mietern auszutauschen. Im Coworking Space ist jedoch das „miteinander und zusammen“ ein wichtiges Thema. Die Coworking-Werte wie Offenheit, Nachhaltigkeit, Zugänglichkeit, Gemeinschaft und Kollaboration werden gelebt und sollten somit für dich und für zukünftigen Coworker, eine Bedeutung haben.

 

3. Hast du bzw. bist du ein geeigneter Community-Manager*in?

Der Aufbau einer Community dauert seine Zeit und ist ohne Community-Manager (für mich persönlich), nicht vorstellbar. Gern nutze ich den Begriff der „eierlegenden Wollmilchsau“. Denn die Aufgaben und Voraussetzungen sind extrem vielfältig. Als Community Manager*in bist du Ansprechpartner für alle Belange der Coworker. Du kümmerst dich um die Vernetzung, organisierst Community Events, räumst die Plätze auf, tritts als Mentor oder Berater ein, wenn es innerhalb der Community Probleme zu lösen gibt, du kümmerst dich um das Bild des Coworking Spaces nach außen. Du beantwortest Fragen von Interessenten und führst diese durch den Space, bist Hausmeister und Küchenfee in einer Person und vieles mehr. Du solltest also Kommunikationsstärke, Souveränität und Selbstbewusstsein mitbringen, auch in schwierigen Situationen einen professionellen Umgangston wahren, belastbar und kreativ sein.

 

4. Wo kann ich noch mehr erfahren?

Hier möchte ich dir zwei neue Publikationen empfehlen, die einen guten Einblick in das Thema geben und vor allem, welche Voraussetzungen geschaffen werden sollten, um einen Coworking Space in der Stadt oder deinem Dorf, erfolgreich aufzubauen.

Die Broschüre „Coworking auf dem Land – Wie es gelingt und was es dafür braucht“ erschien am 18.01.2021 beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Hier kannst du das PDF herunterladen: https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/coworking-land-bule.html

Die Studie der Bertelsmann-Stiftung „Coworking im ländlichen Raum – Menschen, Modelle, Trends“ erschien im November 2020. Sie gibt einen wunderbaren Einblick über die möglichen Geschäftsmodelle, Nutzer*innentypen und Beweggründe, einen Coworking Space auf dem Lande zu eröffnen. Hier kannst du die Studie herunterladen: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/coworking-im-laendlichen-raum-all

Außerdem möchte ich an dieser Stelle auf die German Coworking Federation e.V. (https://www.coworking-germany.org/) und die CoWorkLand eG. (https://coworkland.de/de) hinweisen. Ich bin persönlich in beiden Netzwerken und schätze den offenen Austausch unserer Szene sehr. Die GCF bietet gerade einen Workshop für Gründer an, den ich aus Überzeugung empfehlen kann. Die Urgesteine der Szene berichten über ihre Erfahrungen und ich darf sage, alles, was ich dort lernen durfte, hätte ich mir sicher in 3 Jahren hart erarbeiten müssen. Und ganz wichtig, die ein oder andere schlechte Erfahrung, kann ich mit diesem Wissen sicher vermeiden. Wenn du also einen echten Coworking Space aufbauen möchtest oder mehr darüber erfahren willst, nimm gern Kontakt zu den Verbänden auf und komme mit uns allen in den Austausch. Wir freuen uns auf alle Interessenten und Macher*innen.

Deine Vicki aus dem Coworkerhaus

Leerstand